- Kolumne
104: Sauerteig und Roggenbrot
Urzeitkrebse und Sauerteige haben eines gemeinsam: Etwas Wasser erweckt sie zum Leben. Wenn man Glück hat.
Ein Beitrag von Torsten Kluske
104: Sauer macht luftig
Urzeitkrebse und Sauerteige haben eines gemeinsam: Etwas Wasser erweckt sie zum Leben. Wenn man Glück hat. Ich kann mich noch an Versuche mit einem Tütchen voll Krebseiern aus Yps-Heften erinnern, bei denen ich auch nach Tagen der Sorgfalt und Pflege kein Leben im Aquarium erwecken konnte.,Ein Sauerteig ist ein ähnlich wunderlicher Mikrokosmos: Man mischt Mehl und Wasser, lässt es ein paar Tage stehen und „füttert” das Ganze täglich mit neuem Mehl und Wasser – und schon fängt es zu blubbern an und angenehm säuerlich zu duften. Oder es tut sich gar nichts und müffelt komisch. Immer, wenn es um Mikroben geht, sind Gedeih und Verderb dicht beieinander.,Im besten Fall entsteht im Sauerteig ein vielfältiges Mikrobiom aus Milchsäurebakterien und Hefen. Diese Mikroorganismen finden sich auf dem Mehl, unserer Haut oder irgendwo in der Küche. Doch auch unerwünschte Keime mischen mit. Alle kämpfen im feuchten Mehl um die Vorherrschaft. Mit ein paar Kniffen lassen sich die Bedingungen so gestalten, dass die „guten“ Mikroben die Oberhand gewinnen. Ein entscheidender Faktor ist die Temperatur: Ideal sind 26 bis 30 °C. Im Frühling und Herbst wird das zur Herausforderung – auf der Heizung zu heiß, im Zimmer zu kalt.,Warum der Aufwand? Sauerteig verleiht Weizenbroten Geschmack, und die wilden Hefen sorgen für lockeren Teig. Bei Roggenbroten ist Sauerteig unverzichtbar: Die Säure hemmt Enzyme im Roggenmehl, die sonst die Krume klebrig und klitschig machen. Sauer macht luftig.,Brote aus Roggenmehl sind zudem ohne die Säuren aus dem Sauerteig nicht backfähig: Erst die saure Umgebung sorgt dafür, dass Enzyme im Roggenmehl in ihrer Aktivität gehemmt werden. Ansonsten wird die Krume klebrig und klitschig. Sauer macht luftig.,Wer sich trotz aller Tücken an ein Roggenvollkornbrot wagen will, kann dem Sauerteig mit Starterkulturen auf die Sprünge helfen: Backhefe und Buttermilch. Auch andere Milchprodukte mit lebenden Milchsäurebakterien funktionieren. Diese Bakterien unterscheiden sich zwar von denen eines spontan gezüchteten Sauerteigs, erfüllen aber ihren Zweck: Sie säuern den Teig.,Rezept für ein einfaches und verhältnismäßig schnelles Roggenvollkornbrot.
Rezept
Zutaten für den Roggensauerteig:
- 50 g Bio-Roggenvollkornmehl
- 50 ml warmes Wasser (ca. 40 °C)
- 10 ml Bio-Buttermilch (mit lebenden Milchsäurebakterien)
- 0,05 g Hefe (Reiskorngröße)
Zutaten für das Roggenvollkornbrot:
- 500 g Roggenvollkornmehl
- 450 ml warmes Wasser (ca. 40 °C)
- 10 g Salz
- 100 g Roggensauerteig
Zubereitung:
- Sauerteig ansetzen: Hefe, Buttermilch und warmes Wasser in einem Schraubglas verrühren. Mehl untermischen und den Deckel leicht aufsetzen.
- Sauerteig gehen lassen: Das Glas 24 Stunden auf die Fensterbank oder nahe an die Heizung stellen. Der Teig sollte sich verdoppeln und Bläschen bilden.
- Teig mischen: Warmes Wasser in eine Schüssel geben und Sauerteig einrühren. Mehl und Salz hinzufügen und mit einem Holzlöffel glatt rühren.
- Formen und gehen lassen: Den Teig in eine mit Backpapier ausgelegte Kastenform füllen, festdrücken und die Oberfläche mit einem feuchten Löffel glätten. Abgedeckt gehen lassen, bis er sich verdoppelt hat.
- Backen und auskühlen: Den Backofen auf 250 °C Umluft vorheizen, das Brot einschieben und die Temperatur auf 200 °C senken. 70 Minuten backen und dann vollständig auskühlen lassen, bevor es angeschnitten wird.
Küchenwissen mit
BESSERBISSEN
Die kostenlose kulinarische Kolumne. Über 4.000 Leser erhalten sie jeden Samstag pünktlich zum Frühstück. Sei auch du dabei und verpasse nichts.