112: Hitzewelle

Kann man ein Ei auf der heißen Motorhaube braten? Was Proteine bei Hitze wirklich tun.

Ein Beitrag von Torsten Kluske

112: Was macht ein Ei auf der heißen Motorhaube?

36 Grad – und es wurde noch heißer. Und wie jeden Sommer stellt sich die sommerlochgeplagte Presse die Frage: Kann man ein Ei auf einer heißen Motorhaube braten?

Die Antwort klingt simpel: Proteine im Ei – in Eiklar und Eigelb – verändern sich ab etwa 60 °C unwiderruflich. Zeigt die Wetter-App 36 °C oder mehr, heizt sich eine schwarze Motorhaube in der prallen Sonne recht schnell auf 70 °C auf. Theoretisch reicht das, um ein Ei zu garen. Auf den zweiten Blick scheitert der Versuch praktisch: Das Ei gerinnt zu langsam, rutscht von der gewölbten Haube und kühlt die Kontaktstelle ab, die nicht nachheizt.

Es sei denn, man lässt im Stand den Motor laufen. Das ist übrigens laut verboten, auch wenn unser halbgescheiter Nachbar das anscheinend noch nicht gehört hat und seinen bescheuerten, tiefergelegten und mit Phallusersatz-Auspuff versehenen Golf morgens um 6 Uhr aus mir unerfindlichen Gründen etwa 1-2 Minuten laufen lässt. Ich vermute, zu kalt wird der Motor nicht sein. Doch ich schweife ab.

In Japan legt man Eier in heiße Quellen, die “Onsen” und nennt sie entsprechend „Onsen-Eier“. Nach einer Stunde sind sie bei rund 63 °C gegart: Das Eiklar wird cremig, das Eigelb wachsweich.

Wissenschaftlich gesehen passiert beim Eier-Kochen folgendes:

Das im Eiklar enthaltene Ovoalbumin ist im ungekochten Zustand klar und flüssig. Beim Erhitzen wird es fester und weiß. Die einzelnen Proteine entfalten sich zunächst und bilden dann miteinander ein festes Netzwerk. Dadurch ändert das Eiweiß seine Konsistenz und wird fest, zudem verändert sich dadurch die Lichtbrechung und es wird weiß. Ein Vorgang der „gerinnen” oder auch „denaturieren” genannt wird.

Was für Ei-Proteine gilt, gilt auch für tierische Proteine: Ab einer bestimmten Temperatur denaturieren sie, was Farbe und Konsistenz verändert. Myoglobin verliert ab 60 °C seine rote Farbe und wird grau. Myosin wird ab 40–50 °C fester, Aktin ab 70–80 °C. Beide Proteine verlieren dabei ihre Fähigkeit, Wasser zu binden. Kollagen hingegen zerfällt bei langem Garen in Gelatine und bindet Wasser. Deshalb eignet sich manches Fleisch zum Kurzbraten, anderes zum Schmoren.

Und das Auto in der Sommersonne? Legt man ein 10er-Pack Eier auf den Beifahrersitz, reicht die Hitze im Innenraum vermutlich aus, um sie „onsen-like“ auf 63 °C zu garen. Auch ein Rinderfilet wird nach ein bis zwei Stunden rosa durchgegart sein. Verlässlicher ist jedoch die Zubereitung auf dem Kochfeld oder im Backofen. Wer also bei der nächsten Hitzewelle Eier auf schwarze Motorhauben schlägt, sollte sich nicht darauf verlassen, dass sie dabei garen. Obwohl es durchaus noch andere Gründe gäbe, Autos mit Eier zu bewerfen: beispielsweise den Motor um 6 Uhr sinnlos im Stand laufen zu lassen.

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