- Kolumne
68: Miraculix verzaubert
Ein Beitrag von Torsten Kluske
Wir waren jung und jeder Tag war Mirácoli-Tag
Nach dem Abitur planten Mazze und ich unsere Karriere als Rockstars. Soweit man das planen kann. Und da es auch als Musiker sicher nicht schadet, Struktur in den zugegebenermaßen unkonventionellen Berufswunsch zu bringen, bewarben wir uns in Hamburg beim “Kontaktstudiengang Popularmusik”. Nach einer aufregenden Aufnahmeprüfung bekamen wir einige Wochen später die Zusage. Wir waren einigermaßen erstaunt, denn während des Vorspielens und der anschließenden Fragerunde fühlten wir uns wie das, was wir waren: zwei verpeilte Provinzler die einen Ausflug in die Großstadt wagen.
So juckelten wir im März 1993 im schon etwas abgerockten, aber in strahlendem Orange lackierten Transporter meines Vaters gen Hamburg. Mazze hatte einen Stadtplan auf den Beinen liegen und versuchte uns sicher durch das Brückengewirr gleich am Eingang des Tors zur Welt zu manövrieren.
Wir scheiterten grandios, denn schon nach kurzem, aber recht planlosem Rumgekurve standen wir vor einer Schranke nebst Zollhäuschen. Ich machte gerade Anstalten, das Auto zu wenden, da klopfte ein milde lächelnder Zollbeamter an mein Fenster mit der typischen Bewegung, die Scheibe herunterzukurbeln. An alle mitlesenden Generation Z-ler: Früher hatten Autos eine Kurbel, zum Herunterlassen des Fensters.
Sichtlich eingeschüchtert von der Uniform des Offiziers sprudelte es gleich nervös aus uns heraus, wir hätten uns verfahren und wollten gar nicht in den Hafen.
Darauf sagte er nur trocken: “Jungs, das ist nicht das Problem. Das Problem ist, Ihr SEID im Hafen und wollt raus. Was habt ihr denn da hinten drin?”
Kleinlaut öffneten wir die Tür des Lieferwagens und er kommentierte unsere Fracht trocken: “Also 2 Kisten Bier, ein paar Gitarren und das sieht aus wie Trommeln. Da müssten wir jetzt mal klären, was davon zu verzollen ist”. Und nach einer gefühlt unendlich langen Pause mit einem leichten Grinsen ob der Panik in unseren Augen: “Aber ok, ich will mal nicht so sein, fahrt mal weiter.” Und ich konnte es in seinem Blick sehen, ein “ihr Spacken” hat er zwar nicht gesagt, aber gedacht.
Wir hatten übrigens selbstverständlich keinerlei illegale Drogen versteckt, auch wenn einem Musiker das oft unterstellt wird. Was wir hatten, waren zig Packungen Spaghetti mit Tomatensauce und einige Dosen Leberwurst, die wir als Verpflegung für die ersten 3 Wochen geplant hatten. Aber ein bisschen hat es mich schon gewundert, dass Drogen bei der Durchsuchung überhaupt kein Thema waren. Ich kann es mir nur so erklären, dass so ein Zollbeamter nach jahrelanger Erfahrung zwischen Depp und Drogenkurier unterscheiden kann.
Unsere Verpflegungsauswahl zeigt übrigens sehr schön, dass zu der damaligen Zeit die Kulinarik nicht den höchsten Stellenwert in unserem Leben hatte. Es ging vorwiegend darum, satt zu werden. So gab es morgens Leberwurst auf geliehenem Brot, das wir in der Küche des Studentenwohnheims in den Schränken gefunden hatten und abends Spaghetti mit Tomatensauce. Das war die schönste Zeit.
Und immer, wenn ich mich an die guten alten Zeiten erinnern möchte, dann bereite ich Spaghetti “Miraculix” zu, denn die zaubert mich zurück in die 90er als wir noch lange Haare und von zu lauter Musik ständig Piepen in den Ohren hatten. Aber wir konnten so viel essen, wie wir wollten, ohne dick zu werden. Und so reichte die Packung mit der Aufschrift “für 4-5 Portionen” maximal für 2.
Rezept
Damit das nicht zu sehr ins Geld geht, kommt hier die Gewürz-Zaubermischung zum Nachbauen:
50 g getrocknete Zwiebelwürfel
40 g Salz
30 g Stärke
20 g Zucker
5 g Oregano
5 g Knoblauchpulver
1 g Chili
Alles in ein Gläschen mit Deckel füllen und gut durchschütteln. Für 2 Portionen Spaghetti mit Tomatensauce von der Mischung 10 g (1 TL) in einen Topf geben. Eine halbe Tube 2fach konzentriertes Tomatenmark (100 g) und ein Glas Wasser (180 ml) dazugeben und bei kleiner Hitze aufkochen. Nach Wunsch für den authentischen Geschmack 8 Tropfen Zaubertrank (aka Maggi) und 20 g Butter unterrühren.
Mit Parmesan servieren.
Mit Erschrecken habe ich festgestellt, dass die Kraft Heinz-Company mittlerweile kein Tütchen mit “Pamesello” mehr in die Packung gibt. Ist denn gar nichts mehr heilig?
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Über Mich
Als Trommler und Echo-Preisträger mit der Popband VIVID, war ich zunächst wenig in Sachen Kulinarik sondern vielmehr auf großen Bühnen unterwegs. Das Kochen habe ich dann im Laufe der Jahre autodidaktisch gelernt und bin damit ziemlich weit gekommen:
Zunächst als deutscher Meister der Hobby-Köche und Gewinner diverser TV-Koch-Wettbewerbe. Aus der Leidenschaft wurde schließlich Profession