- Kolumne
70: Bloody Mary
Ein Beitrag von Torsten Kluske
Heute wird es mächtig gruselig.
Wenn ich mit meiner Frau im Fernsehen einen Horrorfilm anschaue, gestaltet sich das in etwa so: Sie hält sich die Augen zu und ich beschreibe ihr, was ich sehe. Sicherlich ist diese Vorgehensweise nicht im Interesse der Filmemacher, doch meiner Frau ist es unmittelbar einfach zu gruselig. Auch mein Grusel hält sich bei der Prozedur in Grenzen. Zum einen bin ich sowieso nicht besonders schreckhaft, zum anderen verliert sich der Schauer, wenn man die ganze Zeit beschreibt, was man gerade sieht. Der Horrorfilm bekommt dann einen gewissen Dokumentar-Charakter.
Sollte die nun folgende Geschichte zu nervenaufreibend werden, empfehle ich, ähnlich vorzugehen: Den Text einfach einer weniger zartbesaiteten Person reichen und sich eine Inhaltsangabe geben lassen.
Und hier beginnt der Grusel um die Bloody Mary. Die meist überlieferte Erklärung, wie der berühmte Drink aus Wodka und Tomaten zu seinem Namen kam, bezieht sich auf Mary I., die im 16. Jahrhundert lebte und Königin von England wurde. Während ihrer Regentschaft erhielt sie den Beinamen “die Blutige”, da die strenge Katholikin fast 300 Protestanten hinrichten ließ.
Doch das ist nichts gegen den Grusel einer anderen Legende: In dieser haust die blutige Marie in Spiegeln. Um sie herbeizurufen, muss man sich in einem abgedunkelten Raum vor einen möglichst großen Spiegel stellen, eine brennende Kerze in den Händen. So präpariert, ruft man dreimal „Bloody Mary“, und wenn man ganz fest daran glaubt, erscheint Marie im Spiegel. Man erkennt sie an einer blutenden Wunde auf der Stirn. Vielleicht hat sie sich auch einfach nur Tomatensaft ins Gesicht geschmiert.
Davon abgesehen hat die Geschichte allerdings nichts mit dem gleichnamigen Drink zu tun. Der Cocktail hieß übrigens auch mal „Red Snapper“, weil den Hotelbesitzern des St. Regis Hotels in New York der Name “Bloody Mary” nicht besonders passend erschien. Ihr Barkeeper Fernand Petiot hatte Namen und Idee des Getränks aus Paris mitgebracht.
Interessanterweise erzählte mir jemand vor ein paar Tagen eine passende Geschichte zum Red Snapper: Der eigentlich ungiftige Raubfisch ernährt sich von kleineren Meerestieren, die wiederum Algen fressen. Auf den Algen leben einzellige Organismen, die ein Gift produzieren. So gelangt das Toxin Ciguatoxin in Schnecken und Fische und macht letztere giftig. Die Vergiftung trägt in Anlehnung an das Gift den Namen Ciguatera.
Die Bezeichnung der Fischvergiftung leitet sich vom auf Kuba gebräuchlichen Namen „cigua“ für die Schnecke Cittarium pica ab, die zunächst irrtümlich als Ursache der Erkrankung angesehen wurde. Aber ein bisschen was bleibt von jeder Geschichte hängen.
Zu den Beschwerden zählt eine schmerzhafte Kälteüberempfindlichkeit (Kaltallodynie), die beim Schlucken von kalten Speisen oder Getränken auftreten kann. Womit wir beim heutigen Rezept wären:
Rezept
Ein eiskaltes Süppchen im Bloody-Mary-Style
Für 4 Gläser (je ca. 200 ml)
- ½ Scheibe Sandwichtoast (oder 20 g altbackenes Brot/Brötchen)
- 6 reife Tomaten (ca. 600 g)
- 1 Selleriestange (plus 4 blättrige Spitzen zur Deko)
- Saft von 1 Limette
- 50 ml mildes Olivenöl
- 4 Eiswürfel
- Worcestersauce, Salz und Tabasco zum Abschmecken
Zubereitung
- Brot in grobe Würfel schneiden. Tomaten vierteln, Sellerie grob zerkleinern.
- Brot, Tomaten, Sellerie, Limettensaft, Olivenöl und Eiswürfel in einem leistungsstarken Mixer fein pürieren, bis ein glattes, eiskaltes Süppchen entsteht.
- Mit Worcestersauce, Salz und Tabasco nach Geschmack abschmecken. Wer es flüssiger mag, kann weitere Eiswürfel untermixen.
- In vorgekühlte Gläser füllen, mit einem blättrigen Selleriestiel dekorieren und sofort servieren.
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