- Kolumne
Der Beweis, dass mein Kaffee schmeckt
Ein Beitrag von Torsten Kluske
Der perfekte Espresso
Wenn jemand behauptet, mein Kaffee würde nicht schmecken, hole ich meinen Laptop heraus und erkläre ihm, warum er sich irrt. Gerade Männer haben oft einen Hang dazu, sich für Dinge zu interessieren, die extrem kompliziert und zu nichts gut sind: Rennräder, mechanische Uhren oder eben Espresso ziehen einen magnetisch an. So ist bei mir über die letzten Jahre eine Kaffeeecke gewachsen.
Die Kunst des perfekten Espressos liegt darin, etwas grundlegend Unkontrollierbares zu kontrollieren. Neben verwendetem Wasser spielen Druck und Temperatur, Mahlgrad, Brühverhältnis, Bohnenröstung und -sorte eine Rolle. Der Kaffee soll möglichst ausgewogen schmecken, nicht bitter oder sauer. Beim Probieren meines zu sauren Espressos frage ich mich, wie mir der Kaffee aus der Bialetti mit einfachem Kaffeepulver damals gut schmecken konnte. Wahrscheinlich eine Fehleinschätzung meinerseits.
Um einen gut schmeckenden Espresso zu beschreiben, sprechen Wissenschaftler von einem “Barista Tasty Point”. Schließlich muss man ja aus allem eine Wissenschaft machen können. Um diesen Tasty Point reproduzierbar zu machen, kamen 6 dieser Wissenschaftler aus 5 Ländern nach tausenden Shots, über 4 Jahre zu dem Schluss, dass man weniger Kaffeepulver nehmen soll [1]. In der Kaffee-Community auf Instagram ist es mittlerweile völlig normal, ein Gerät für 60 € zu besitzen, welches dank 4 Zahnrädern das Kaffeepulver im Siebträger optimal und klumpenfrei verteilt. Währenddessen schreibt der Kaffee-Guru James Hoffmann in seinem Buch darüber, wie man sein eigenes Wasser herstellt. Es gibt außerdem eine Gruppe aus Programmierern, die für meine Siebträgermaschine eine Software geschrieben hat. Sie stattet die Maschine mit Druck- und Temperaturkontrolle aus und visualisiert die Daten außerdem auf meinem Laptop. Endlich hat man die Möglichkeit, wissenschaftlich festzustellen, ob der Kaffee einem schmeckt.
Ich habe mir fest vorgenommen, das Kit demnächst zu installieren. Das bedeutet für Freunde und Familie, dass sie sich zukünftig von einem schnellen Kaffee bei mir verabschieden müssen. Mit meinem eigenem Wasser, Laptop-Kurven und Kaffeeverteiler ändert sich ihre Reaktion von “schmeckt lecker” zu “schmeckt lecker”. Dafür kann ich außer Haus keinen Espresso mehr trinken, ohne zu meckern.
Ich denke, die Antwort auf die Frage nach dem perfekten Espresso ist: Man will gar keinen perfekten Espresso. Die magnetische Anziehung gilt nicht dem Endergebnis. Sie gilt dem Versuch, die Komplexität zu bändigen und mithilfe der Wissenschaft etwas zu kontrollieren, was als unkontrollierbar gilt. Es ist das Basteln, das Ritual am Morgen, und der Versuch, den Geschmack zu messen, der eigentlich unmessbar ist. Der perfekte Espresso wäre das Ende des Hobbys. Zum Glück habe ich ihn noch nicht gefunden.
Rezept
Dort wo der Espresso in Mascarpone und Zucker verschwindet, stört einen auch der falsche Mahlgrad nicht. Und da mein Hobby dem Prozess selber gilt, darf das mühsam gebrühte Extrakt vom Löffelbiskuit aufgesaugt weden. Hier also mein Rezept für Tiramisu.
Für 4 Portionen
Zutaten
- 4 Eier, getrennt
- 120 g Puderzucker
- 250 g Mascarpone
- 150 g Joghurt (10 % oder griechisch)
- Saft und Abrieb von einer Zitrone
- 250 g Löffelbiskuits
- 250 ml Espresso, abgekühlt
- Dunkles Kakaopulver zum Bestäuben
Zubereitung
- Espresso vorbereiten: 250 ml Espresso kochen und vollständig abkühlen lassen. Sonst weicht er die Biskuits zu schnell durch.
- Eigelb-Masse aufschlagen: Die 4 Eigelbe mit 150 g Puderzucker und 1 tl Vanillezucker hell und aufschlagen. So lange rühren, bis sich der Zucker gelöst hat und die Masse deutlich heller ist.
- Creme rühren: 250 g Mascarpone und 150 g Naturjoghurt mit Joghurt, Zitronensaft und -schale glatt rühren. Löffelweise zur Eigelb-Masse geben und unterrühren.
- Eischnee unterheben: Die 4 Eiweiße steif schlagen. Den Eischnee vorsichtig unter die Creme heben.
- Schichten: Die Hälfte der Löffelbiskuits kurz in den abgekühlten Espresso tauchen und den Boden der Form damit auslegen, dann die Hälfte der Creme darauf glatt streichen. Eine zweite Lage getunkter Löffelbiskuits darauflegen und die restliche Creme darüber verstreichen.
- Kühlen und servieren: Abgedeckt mindestens 4 Stunden, besser über Nacht, in den Kühlschrank stellen, erst dann verbinden sich die Schichten. Direkt vor dem Servieren großzügig mit Kakaopulver bestäuben.
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