- Kolumne
Einhundert!
Zur hundertsten Ausgabe wird es etwas pathetisch: Wo komme ich her, wo will ich hin?
Ein Beitrag von Torsten Kluske
100: Kochen mit Herz und Verstand
Zur hundertsten Ausgabe erlaube ich mir ein wenig Pathos: Wo komme ich her, wo will ich hin?
„Wer mit seinen Händen arbeitet, ist ein Arbeiter. Wer mit Händen und Kopf arbeitet, ist ein Handwerker. Wer mit Händen, Kopf und Herz arbeitet, ist ein Künstler.“
Dieser Spruch wird Francesco d’Assisi zugeschrieben. Auch Marco Pierre White, der Meisterkoch den Meisterköche verehren, zitiert ihn gern. Nicht ohne Grund, denn das Thema „Leidenschaft” wird immer wieder als wichtige Komponente beim Kochen gefordert. Besonders in der Kunst trifft diese Verbindung aus „Leiden“ und „Schaffen“ ins Schwarze.
Doch nicht nur in der Küche sollte man immer beachten: Ein Gericht, das man mit Herz, also voller Emotion und Leidenschaft zubereitet, muss nicht zwangsläufig gut schmecken. Zu viel Salz in einem Gericht wird vielleicht nicht ohne Grund mit Liebe in Verbindung gebracht.
Und so stellt sich mir eher die Frage, wo die Emotion entstehen soll: beim Koch oder beim Gast? Auch ein nüchtern und präzise gekochtes Gericht, kann einen direkt in die Kindheit zurückversetzen.
Wie wird aus einem Arbeiter ein Künstler? Wenn ich meinen eigenen Weg betrachte, kann ich die ersten beiden Entwicklungsschritte sehr gut nachvollziehen: Vor 23 Jahren began ich, mich intensiv mit dem Kochen zu beschäftigen. Zuvor war ich noch nicht einmal ein Arbeiter, weil mir selbst rudimentäre Fähigkeiten fehlten. Zum Arbeiter wurde ich, als ich durch Übung immer mehr Routine beim Umgang mit Messern und anderen Küchenwerkzeugen bekam. Der Kopf spielte dabei kaum eine Rolle, denn ich kochte nur nach Rezept. Das funktioniert durchaus – wer seine Aufgaben routiniert und zügig erledigt, arbeitet oft besser als jemand, der alles zerdenkt.
Davon kann ich mich allerdings nicht völlig freisprechen und so begann ich, Vorgaben in Rezepten zu hinterfragen und neue Wege zu gehen. So wurde aus dem Arbeiter ein Handwerker – jemand, der Zutaten und Abläufe immer besser versteht und bewusst steuert.
Der letzte Schritt, der zum Künstler, ist der größte und bleibt den wenigsten vorbehalten. Unter den Köchen fällt mir nur Ferran Adrià ein, der als Künstler zur renommierten Kunstausstellung documenta 12 (2007) in Kassel als Künstler eingeladen wurde.
Für mich endet die Reise beim Handwerker. Aber ich sehe gern Filme über Künstlerinnen und Künstler:
In einer großartigen Dokumentation auf Arte über Gerhard Richter beschreibt der Maler in einem kurzen Dialog mit Corinna Belz, der Filmemacherin, welchen Weg seine Bilder während des Schaffens gehen:
Richter betritt sein Atelier, geht wortlos auf ein Bild zu und streicht mit einem kleinen Pinsel über das fast schwarze Werk.
Belz: „Die haben sich jetzt ja sehr verändert, die Bilder.”
Richter: „Ja. Ja, das ist das, dass die irgendwie machen, was sie wollen. Ich hatte sie ganz anders angelegt. Schön bunt.”
Und er verlässt wortlos wieder den Raum.
So wird das Bild selbst zum Künstler und lässt sowohl Maler, als auch die Betrachterin staunend zurück. Bei einem Teller Senfeier ist mir das allerdings noch nie passiert. Wobei: Hier auf der Fensterbank reift gerade ein Sauerteig. Der macht auch, was er will.
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