- Kolumne
63: Ein Sommerdessert, das lüstern macht
Ein Beitrag von Torsten Kluske
Ein Sommerdessert, das lüstern macht
Ich liebe Redewendungen, die so irritierend falsch zitiert werden, dass man gar nicht genau weiß, was da nicht stimmt. Zum Thema meiner heutigen Kolumne schoss es mir in diesem Sinne wie Pilze durch den Kopf: Manche, teils uralte Rezepte, avancieren dank neuer Medien zu ungeahnter Berühmtheit. Sie gehen sozusagen ab, wie Nachbars Lumpi.
Die virtuelle Welt feiert vorwiegend im Sommer eine Zitronencreme, die schon der Queen mundete: Lemon Posset. Für die ursprüngliche Rezeptur, die auf das 15. Jahrhundert zurückgeht, mischte man Alkohol mit Milch und ließ diese dadurch gerinnen. Was damals bewusst geschah, um eine käseähnliche Konsistenz zu erzeugen, ist heute eher ein Missgeschick. Vor allem, weil sich im Laufe der Zeit die Zutaten geändert haben. Heute verwendet man nur Zitronen, Sahne und Zucker, eine Gerinnung ist nicht erwünscht.
Doch nicht nur die kurzen Rezeptvideos auf TikTok, Facebook oder Instagram kommen lockerflockig daher, sondern oftmals leider auch die Creme selbst. Das zeigen zumindest viele Kommentare, die man zu den Videos findet: „Bei mir ist die Masse nicht fest geworden und unten hat sich Wasser abgesetzt.“
Gerinnen sollte die Masse trotz der Zugabe von Zitronensaft jedoch auf gar keinen Fall. Ansonsten wird sie nicht cremig, sondern krisselig.
Rezept
Damit das Dessert eine puddingähnliche, samtige Konsistenz erhält, empfiehlt sich folgende Zubereitung:
400 ml Sahne 30 %
100 g Zucker
2 unbehandelte Bio-Zitronen
Den möglichst feinen Abrieb der beiden Zitronen in einen Topf geben. Sahne, Zucker und 60 ml Zitronensaft zufügen. Alles erhitzen und 2-3 Minuten leicht köcheln lassen.
Die Creme in eine Schüssel füllen und schnell auf Zimmertemperatur abkühlen. Dafür kann das Behältnis in ein Wasserbad mit eiskaltem Wasser gestellt werden.
Anschließend die Creme in passende Dessertgläschen oder, wie auf dem Bild gezeigt, in die ausgehöhlten Zitronenhälften füllen und im Kühlschrank über Nacht festwerden lassen.
Die samtige Konsistenz des Lemon Possets wird durch zwei Dinge beeinflusst:
- Beim kurzen Erhitzen verkocht etwas Wasser aus der Sahne, wodurch sich der Fettgehalt erhöht und die Masse fester und cremiger wird. Das ist auch die traditionelle Zubereitung von Panna Cotta, bei der keine Gelatine verwendet wird.
- Das Pektin in der Zitronenschale sorgt dafür, dass die restliche Flüssigkeit geliert. Dies ist übrigens auch bei klassischer Marmelade der Fall, die dem Namen nach aus Quitten (vom portugiesischen “marmelo” = Quitte) und dem Gesetz nach aus Zitrusfrüchten besteht. All diese Früchte enthalten ebenfalls viel Pektin, ein Kohlenhydrat, das zu den Ballaststoffen zählt.
Wundern Sie sich nicht, wenn Ihr Lemon Posset ratzfatz ausgelöffelt ist und Sie immer größeren Appetit bekommen: Sauer macht lüstern.
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Über Mich
Als Trommler und Echo-Preisträger mit der Popband VIVID, war ich zunächst wenig in Sachen Kulinarik sondern vielmehr auf großen Bühnen unterwegs. Das Kochen habe ich dann im Laufe der Jahre autodidaktisch gelernt und bin damit ziemlich weit gekommen:
Zunächst als deutscher Meister der Hobby-Köche und Gewinner diverser TV-Koch-Wettbewerbe. Aus der Leidenschaft wurde schließlich Profession